
Das 1912 gegründete Ihagee Werk des Niederländers Johan Steenbergen in Dresden hatte sich einen guten Ruf beim Bau von Spiegelreflexkameras erworben. Doch deren Größe und Gewicht waren im Leica- und Contax-Zeitalter nicht mehr zeitgemäß. 1930 begann man mit der Entwicklung einer kompakten Kamera, der „Exakta 4x6,5“. Ende 1932 wurde eine Vorserie an die Ihagee-Vertretungen im In- und Ausland zur Begutachtung und Erprobung verteilt. Die Fabriknummern dieser Kameras lagen unterhalb von 400 000. Die Serienproduktion beginnt im Januar 1933, vorgestellt wird die Kamera zur Leipziger Frühjahrsmesse. Hier ist die nur 750 g leichte Kamera eine kleine Sensation. Die vergleichsweise sehr kompakte Kamera benutzt den verbreiteten 127er Rollfilm für das Bildformat 4x6,5 cm, arbeitet mit einem Schlitzverschluß und hat auswechselbare Objektive. Konstrukteur dieser Neuentwicklung ist Karl Nüchterlein.
1933 ist also das Geburtsjahr der Exakta. Zum ersten Mal wird das Spiegelreflex-Prinzip, bei dem das Aufnahmeobjektiv gleichzeitig auch das Sucherbild auf einer Mattscheibe entwirft, in einem Fotoapparat im Kleinformat verwirklicht. Die erste Exakta hat noch kein Langzeitwerk, keinen Schnellaufzug und keine Blitzsynchronisation, jedoch den Exakta-typischen Tuchschlitzverschluß bis 1/1000 s. Schon dieses erste Modell wird mit sechs (6!) verschiedenen auswechselbaren Standardobjektiven angeboten! Eine für den Sammler übersichtliche Einordnung dieser Kamera fällt nicht ganz leicht. Wer die Absicht hegt, diese Kamera in den verschiedenen Varianten zu sammeln, wird einige Überraschungen erfahren. Anfangs scheint es noch ganz einfach zu sein – die (Standard-)Exakta unterscheidet sich nach Typ A ohne und Typ B mit Langzeiten. Doch wer sich intensiver mit diesem Kameramodell auseinandersetzt, kommt schnell zu der Einsicht: so leicht hat es die Ihagee uns nicht machen wollen!
Das beginnt schon beim Namen: im Erscheinungsjahr 1933 hieß die Kamera „Exakta“ – ohne jeglichen weiteren Zusatz. Es gab zunächst auch nur eine Ausführung – ohne lange Belichtungszeiten, also noch kein Modell A oder B. Diese Unterscheidung gibt es erst ab September 1933, als die Kamera wahlweise auch mit einem Langzeitenwerk erstanden werden konnte. Der Zusatz „Standard“ tauchte ab 1936 mit Erscheinen der Kine Exakta auf, aber auch nur in der Werbung und Literatur. Auf dem Typenschild steht immer nur Exakta, nie A oder B. Lediglich die sogenannte Volksexakta, die Exakta Junior, erhielt die Zusatzgravur „jr“ im Frontschild. Doch die ersten Junior-Modelle hießen gar nicht Exakta – vielmehr stand „Ihagee jr“ auf deren Typenschild. (Sammler-)Namen dieser Exakta-Kamera sind auch: VP-Exakta, Rollfilm-Exakta, Exakta 4x6,5, Exakta 127. Alle bezeichnen aber den gleichen Kameratyp. Auf meiner Standard Exakta-Seite finden Sie den Versuch einer nachvollziehbaren Einordnung.
Alles klar? Doch es geht noch weiter. Umtriebige Sammler kennen auch ein Modell „C“. Dies hat es aber werksoffiziell gar nicht gegeben, vielmehr handelt es sich dabei um eine Exakta 4x6,5, die mit einer Plattenrückwand ausgeliefert wurde. Zu dieser Plattenrückwand gehört ein passender Objektiv-Verlängerungsring, der wiederum mit der Kameranummer graviert ist. Nur mit diesem Ring, dessen Nummer mit der Nummer auf der Objektivfassung übereinstimmen muss, darf man sich über eine Exakta Modell C freuen.... Diese wiederum kann – je nach Grundvariante – ein Modell A oder auch B sein! Gleiches gilt für die „Nacht Exakta“. Um eine solche handelt es sich nämlich, wenn die Kamera mit einem lichtstarken Objektiv (Biotar, Primoplan oder Xenon) gekauft worden ist. Doch Vorsicht – eine echte Nacht-Exakta ist mit der Fabriknummer auf dem Lichtschachtdeckel graviert! Gelegentlich finden sich jedoch auch Kameragehäuse mit lichtstarker Optik ohne solche Nummerngravur, z.B. wenn die Kamera im Ausland gekauft und etwa mit einem Dallmeyer 1,9 bestückt wurde. Dann wurde die Objektivfassung getauscht, um das lichtstärkere Objektiv montieren zu können ohne die Nummer auf den Lichtschachtdeckel zu gravieren. Über die vielfältigen Gehäuse-Tauschmöglichkeiten finden Sie weitere Hinweise in der Rubrik Bauweise auf der Standard- und allgemein zur Vergabe der Fabriknummer bei der Ihagee auf der Kine-Seite.
Immer noch alles klar? Es geht aber noch weiter – die ersten Exakta’s wurden ohne Blitzanschluß und Schnellaufzug ausgeliefert. Beides gibt es erst ab 1935 mit der dritten und vierten Baureihe (für alle Varianten). Dass es anfangs Unterschiede in der Firmenkennzeichnung auf dem Lichtschacht, bei Aufzugs- und Verschlussknöpfen, beim Objektivgewinde und beim Unendlich-Verriegelungshebel gab, lasse ich der besseren(?) Übersicht halber hier einfach mal weg. Das finden Sie in der Standard-Abteilung.
Mit Erscheinen der Kine Exakta wurde 1936 die Standard Exakta optisch aufgewertet – alle Modellvarianten waren dann auch mit Chromteilen erhältlich. Ob und in welchem Maße dies einheitlich erfolgte ist mir nicht ersichtlich. Jedenfalls waren die Frontplatten, die beiden Deckplatten, der Lichtschachtrahmen, die Objektivfassung, das Objektiv und die Rückwandverriegelung Kandidaten für chromstrotzenden Luxus. Egal bei welcher Modellvariante und auch nicht bei jeder Kamera in gleichem Umfang...
Späte Ausführungen erhielten noch eine aufgeschraubte Frontplatte. Ich hab’ schon unter einer glanzverchromten Standard ein älteres noch schwarz lackiertes Modell auftauchen sehen! Ende 1939 wird die Produktion zugunsten der Kine Exakta eingestellt.
Der Ruf nach einer Kombination dieser technischen Meisterleistung und dem immer beliebteren 135er Kleinbildfilm (Leica-Film) bleibt nicht lange ungehört. Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1936 wird die „Kine Exakta“ mit einer dem Modell B entsprechenden Ausstattung vorgestellt. Schon nach nur einem Produktionsjahr ist die „Kine“ die Erfolgs-Exakta. Die bisherige Modellreihe A, B usw. rückt mit dem Zusatz „Standard“ ins zweite Exakta-Glied, bleibt aber bis 1939 weiterhin im Fertigungsprogramm.

Trotz der langen Bauzeit ist die Anzahl der unterschiedlichen Exakta Modelle überschaubar. Es gibt allerdings innerhalb der Baureihen Varianten und Abweichungen im Detail. Auf meinen Exakta-Seiten finden Sie viele Informationen zu den einzelnen Baureihen und Modellen der Exakta und deren Zubehör. Die Seiten werden nach und nach ergänzt. Es lohnt also, hin und wieder hereinzuschauen.
| Modell, Typ | Bauzeit |
| Standard Exakta | 1933 bis 1939 |
| Kine Exakta I Vorkriegsmodelle | 1936 bis März 1940 |
| Kine Exakta I Nachkriegsmodelle | 1945 bis 1948 |
| Exakta 6x6 (quer) | 1938/1951 |
| Kine Exakta II | 1949 bis 1950 |
| Exakta Varex | 1950 bis 1951 |
| Exakta Varex (Umbauversionen) | 1936 bis 1956 |
| Exakta Varex VX | 1951 bis 1956 |
| Exakta 6x6 neu | 1953 bis 1954 |
| Exakta Varex IIa | 1956 bis 1963 |
| Exakta Varex IIb | 1963 bis 1966 |
| Exakta VX 1000 | 1966 bis 1970 |
| ELBAFLEX VX 1000 | 1969 bis 1970 |
| Exakta VX 500 | 1969 bis 1971 |
Auch Nachfolgemodelle der Exakta und die "kleine Schwester" Exa finden sie demnächst auf meiner Seite. Falls ein Link noch nicht funktionieren sollte, bitte ich um Nachsicht. Sie kommen dann mit der "zurück"-Funktion Ihres Browsers auf die zuletzt besuchte Seite zurück und können von dort aus weiter navigieren.
Betrachter meiner Schätze zeigen manchmal Unverständnis: „warum hast Du davon so Viele, die sehen doch alle gleich aus?“ Gerade das – so zumindest empfinde ich es – ist das Besondere des Exakta-Systems. Zu ihrer Zeit ausgereift und ohne echte Konkurrenz, lag darin später der Grund für den
Niedergang dieser einst so stolzen Kamera.
Wenn Stillstand Rückschritt bedeutet, dann ist das Exakta-System Synonym dieser Erkenntnis. Ob damit zugleich das Bessere zum Feind des Guten wurde, ist hingegen eine ganz andere Frage. Die beantwortet sich hin und wieder auf unerwartete Weise, wenn man mit einer klassischen Exakta zu besseren Fotoresultaten kommt, als jemand mit einer hochmodernen Digitalausrüstung...
Es dürfte nicht sehr viele Kameras mit einer eigenen Briefmarke geben. Hier eine Exakta Varex VX auf einer Briefmarke zur Leipziger Messe 1955.
Das mag vielleicht auch nur etwas mit der Arroganz zu tun haben, mit den in Zeiten der „richtigen Fotografie“ erworbenen Fertigkeiten nicht auf die Multi-Automatiken bei dem „neumodischen Kram“ angewiesen zu sein (oder ist es doch Besserwisserei?). Andererseits erklärt solch pseudophilosophische Fotobetrachtung nicht das Interesse am Exakta-System auch jüngerer Sammler, denen die Exakta zu ihren Lebzeiten noch gar nicht begegnet sein konnte.
Bei mir sind die Ursachen aber eindeutig historisch begründet, wie ich an anderer Stelle me and my Exakta etwas ausführlicher berichte. Hier deshalb nur eine ergänzende Bemerkung.
Zu Beginn der 60er Jahre begann mein Amateurfotografendasein mit dieser feinen Kamera gerade zu einer Zeit, als sich die Endzeitstimmung schon über sie ausbreitete. Dessen war ich mir aber noch nicht bewusst. Die Vielfältigkeit der Exakta faszinierte mich. Als ich 1970 im Kaufhof eine ELBAFLEX mit einem Schneider Xenon 1,9/50 als Sonderangebot für 198 DM erwarb, glaubte ich noch das Schnäppchen meines Lebens gemacht zu haben. Dass bereits bessere Kameratechnik verfügbar war, bemerkte ich bald an den Macken dieser „Weiterentwicklung“.
Mein Widder-Dickkopf ließ mich aber noch einige Zeit an der Exakta festhalten. Immerhin hatte ich väterlicherseits so viel Fotopraxis mitbekommen, dass meine fotografischen Ergebnisse mit Exakta IIb, Exa IIb und Elbaflex immer noch besser waren als diejenigen meiner Altersgenossen mit aktuellen Japanern. Erst Mitte der 70er Jahre rang auch ich mich zu einem Wechsel zu einer OMI durch.
Die kurze Zeit später in den frühen 80er Jahren erwachte Sammelfreude war zunächst eher nostalgisch geprägt. Mit den Jahren kam dann mehr und mehr der Wunsch hinzu, auch sammlerisch zu dokumentieren, weshalb die deutsche Kameraindustrie trotz ihres zeitweilig großen Qualitätsvorsprungs an der japanischen Konkurrenz scheitern musste.
Damit soll es hier aber auch genug sein mit der Erklärung „warum ich Exakta sammle".
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