Filter für die Schwarz-Weiss-Photographie

In der klassischen Schwarz-Weiß-Photographie blieb dem Fotografen nichts weiter übrig, als die (meist) vielfarbige Wirklichkeit in triste Grautöne umzuwandeln. Das dies überhaupt möglich ist, hängt mit der Fähigkeit unserer Augen und des sie in aller Regel steuernden Gehirn zusammen, die Lichtfarben des Sonnensprektrums aufzulösen und in passende Grautöne umzusetzen.
Wer schon mal im Mondlicht Farbbilder angeguckt hat, wird wissen, was ich meine. Zudem haben wir uns im Laufe unseres Lebens die meisten Farben unserer Umgebung eingeprägt und sind in der Lage, auch bei „falscher“ Beleuchtung oder gar im Halbdunkel den meisten Gegenständen ihre Naturfarbe zuzuordnen. Eine Kirsche wird deshalb mit „rot“ und Gras mit „grün“, Himmel und Wasser mit „blau“ und unsere Haut mit so was wie „chamois“ eingestuft. Daran orientieren wir uns auch, wenn wir die Welt einmal nur in schwarzweiß sehen.

Der schwarzweiße Fotofilm verfügt über derlei Fähigkeit nicht, er kann nur entsprechend einer ihm vom Hersteller mitgegebenen Gradationskurve Farben, wie sie die Wirklichkeit gerade zeigt in entsprechende Grautöne umwandeln. Dabei ist ihm egal, ob die Farbe des Gegenstandes nun immer so ist wie sie ist oder ob eine bestimmte Beleuchtung, etwa im Abendrot eine akute Veränderung bewirkt. Allerdings bleiben dennoch die Relationen der – evtl. auch falschen – Farben zueinander erhalten. Erkennen wir dann im fertigen Bild die Stimmung, z.B. die untergehende Sonne, können wir auch mit den Grautonveränderungen etwas anfangen.

Wenn also unser Auge tageslichtabhängige Farbunterschiede ignorieren kann, vermag der Film dies nicht. Vor allem betrifft dies blaue Lichtanteile (sogar die für unser Auge unsichtbaren ultravioletten), die vor allem bei viel Himmel, Schnee oder Wasser und in der Mittagssonne Farbveränderungen hervorrufen. Diese setzt der Schwarzweissfilm in einer Weise um, wie unser Auge sie nicht als natürlich empfindet.

Man mag jetzt darüber streiten, wer physikalisch Recht hat – Film oder Auge, doch tatsächlich gefallen uns solche Bilder meistens nicht.

Farbskala entsprechend der normalen Farbempfindung des Auges:


Die Farben obiger Skala wandelt ein panchromatischer Film in folgende Grautöne um:

Das Dilemma zeigt sich in der zweiten Skala, in der die Umsetzung der Farben in Grautöne so erfolgt ist, wie es der Film „gesehen“ hat. Das leuchtende Gelb erhält natürlich den hellsten Grauton. Violett empfinden wir als dunkel, entsprechend wird es dunkelgrau dargestellt, ebenso wie ultraviolett oder infrarot (die unser Auge aber gar nicht direkt sehen kann). Orange und Grün werden praktisch in den gleichen Grauton umgesetzt, ebenso wie Rot und Blau. Das fertige Schwarzweiß-Bild lässt damit z.B. nicht zu, dass sich ein rotes Boot vom blau strahlenden Wasser drumherum unterscheidet oder auch ein orangefarbener Badeanzug auf der grünen Liegewiese.

Grautonwiedergabe bei Verwendung eines leichten Gelbfilters:

Für Abhilfe sorgt das Filter, manche sagen auch der Filter. Egal, jedenfalls lässt ein Gelbfilter vor der Linse nur einen geringeren Blauanteil auf den Film gelangen und biegt damit die ganze komplizierte Physik des Alltags wieder zurecht. Mit einem leichten Gelbfilter werden Gelb und Orange heller, Rot etwas weniger intensiv und Blau erscheint dunkler. Das hat man schon früh entdeckt, zumal die alten orthochromatischen Filme noch besonders blauempfindlich waren und zwischen weiß und blau nicht zu unterscheiden vermochten.


Spätere panchromatische Emulsionen glichen die Blauempfindlichkeit des frühen orthochromatischen Negativmaterials schon besser aus. Doch die gegenüber dem Auge andere Farbwahrnehmung des Filmmaterials blieb erhalten. Die Wirkungen lassen sich steigern, wenn Gelbfilter mit intensiveren Färbungen bis hin zu orange oder gar rot eingesetzt werden. Filterwirkung SWEin stark getöntes Filter kann die Komplementärfarbe im fertigen Bild fast schwarz erscheinen lassen. Das klassische Beispiel hierfür ist die mit einem Rotfilter erzeugte Mondlichtstimmung einer Aufnahme bei hellem Tageslicht. Mit anderen Filterfarben, wie grün oder blau werden entgegengesetzte Wirkungen erzielt. Blaufilter werden z.B. verwendet, um Aufnahmen bei Kunstlicht oder mit Photolampen im Atelier eine Bildwirkung wie bei Tageslicht zu geben. Aufnahmen bei Tageslicht kann ein Blaufilter eine gespenstisch anmutende Stimmung verleihen.

Im fotografischen Alltag mit panchromatischem Filmmaterial hatte sich ein leicht gelbgrünes Filter als bestgeeignet für das übliche Ferien- oder Landschaftsfoto erwiesen. Zumindest konnte der Fotoamateur damit mehr richtig als falsch machen. Ein leichtes Gelbfilter, häufiger noch ein gelbgrünes Filter gehörte in aller Regel zu einer üblichen Fotoausrüstung der Schwarz-Weiß-Ära. Es ist deshalb - neben der Sonnenblende - auch die passende Ergänzung zu unserem Vitrinenstück aus den 1930-50er Jahren.

Der Fachfotograf oder engagierte Fotoamateur wusste mit der Farbtonwiedergabe bei Schwarzweiß-Filmen gekonnt umzugehend. Unterschiedliche Gradationen der Filme verschiedener Hersteller oder auch höher- oder geringerempfindliche Filmmaterialien erforderten eine gezielte Filterung um die angestrebte Wirkung im fertigen SW-Foto zu erreichen. Ergebnis war eine fast künstlerische Wirkung, die alte Fotografien oft in einer Weise ausstrahlen, wie sie von einem gleichartiges Farbfoto nicht erreicht wird.

Vielleicht passt es nicht so recht in diesen Zusammenhang (oder doch?), über die besondere Aussagekraft gut gestalteter Schwarz-Weiß-Fotografien zu fabulieren. Doch hat es sicher auch etwas damit zu tun, dass beim Schwarzweiß-Foto technisches Grundwissen und fotografisches Können gefragt sind, wenn in Zeiten der digitalen Massenknipserei die Freunde der SW-Fotografie wieder zunehmen ....




Ein Auszug aus einem Arnz-Filterprospekt (Abbildung rechts) verdeutlicht die Auswirkungen der verschiedenen Farbfilter für Schwarz-Weiß-Filme von gelb bis rot besser als ich es zu beschreiben vermag.




Posted 2008/02/27; last updated 2013/01/21 Copyright © 2007-2016 by Horst Neuhaus