
Ja ja, ich weiß, für manche Kamerahistoriker begehe ich hier Geschichtsfälschung ...
Wird doch die Schöpfungsgeschichte der Edixa mit Konstrukteur-Genie Heinz Waaske verbunden, der lange Jahre für die technische Entwicklung bei Wirgin verantwortlich war. Doch ist die Wirklichkeit manchmal anders, als manch Einer sie gern hätte.
Otto Helfricht - 1906 in Zella Mehlis geboren, starb 1991 im Alter von 85 Jahren in Wiesbaden. Er war langjähriger Mitarbeiter von Karl Nüchterlein im Dresdner Ihagee-Werk bevor er 1950 als Konstrukteur zu Wirgin nach Wiesbaden wechselte und dort wesentlich an der Geburt der Komet und späteren Edixa beteiligt war.
Otto Helfrichts Werdegang war seit seiner Jugend von der Dresdner Kameratechnik geprägt. Als Feinmechaniker-Lehrling bei Ernemann begann 1922 sein Berufsleben in der Fotoindustrie. Schon 1924 baute er hier seinen ersten Schlitzverschluss. Kurz nach dem Abschluss seiner Ausbildung wechselte er 1926 zur Ihagee und konnte dort sein Wissen um die Konstruktion von Schlitzverschlüssen vertiefen. Er fand heraus, dass die Verschlusstücher großformatiger Kameras den Schlitzverschluss zu träge ablaufen ließen, um kurze Verschlußzeiten, wie 1/1000 s zu erreichen. Dieses Wissen kam ihm in der Zusammenarbeit mit Karl Nüchterlein bei der Entwicklung der Exakta zugute. Hier konstruierte er auch den berühmten Exakta-Schlitzverschluss mit Zeiten von 12s bis 1/1000s.
Eine weitere Ernemann-Mitgift konnte er jedoch mit der Exakta nicht mehr verwirklichen - den Prismensucher. Die Ihagee-Kameraproduktion musste am 11.3.1940 auf Anordnung des damaligen Herrschaftssystems zugunsten von Rüstungsgeräten, wie Höhenmesser u.a., eingestellt werden. Neue Entwicklungen konnten deshalb der Exakta nicht mehr zugute kommen. Dies betraf auch eine (schon 1939 patentierte) Nüchterlein-Entwicklung - die
TTL-Belichtungsmessung. Leider war diese Neuerung wegen Fehlens passender Selen-Meßzellen seinerzeit nicht unmittelbar zu verwirklichen.
Das Foto zeigt Otto Helfricht 1990 in Wiesbaden im Alter von 84 Jahren
Auch die Auslagerung großer Teile der Ihagee-Werkzeuge, -Pläne und -Produktionsmittel in eine umgebaute Scheune in der Umgebung Dresdens fiel in den Verantwortungsbereich Otto Helfrichts. Dies ermöglichte jedenfalls die schnelle Wiederaufnahme der Exakta-Produktion im August 1945 in einer ehemaligen Zigarettenfabrik. Bekanntlich wurde das Ihagee-Werk in der Bombennacht im Februar 1945 total zerstört.
Schon unmittelbar nach Kriegsende war er in leitender Position an der Wiederaufnahme der Produktion im Ihagee Werk verantwortlich. Auch die Konstruktion des Wechselsucherprinzips, das im Ergebnis zur Exakta Varex führte, fiel noch in seine Zeit bei der Ihagee. Aufgrund seiner Fertigkeiten und Kenntnisse bestellte ihn die Sowjetische Militär-Administration (SMAD) 1946 zum Treuhänder und Werkleiter der Ihagee. Das hinderte seine russischen Gesprächs- und Geschäftspartner jedoch nicht, ihn für das neue Leningrader Kamerawerk abwerben zu wollen. Letztlich sah er nur noch in der Flucht in seinem alten DKW nach Westdeutschland die Möglichkeit diesem Werben zu entgehen.
Über Umwege (Steineck in Tutzing) kam Helfricht 1950 zu Wirgin. Dort konstruierte er - anfangs unter Leitung von Heinz Waaske - die Komet und die Edixa-Folgemodelle. Wirgin hatte zuvor nie eigene Verschlusskonstruktionen hergestellt; Helfricht's Schlitzverschluss-Wissen kam daher bei der Entwicklung einer eigenen Spiegelreflexkamera gerade recht. Wer damals die Idee zu dieser Neuschöpfung lieferte, ist aufgrund dessen leicht nachvollziehbar. Die Entscheidung wird Edixa-Eigentümer Henry Wirgin wohl erst nach Abstimmung mit seinem in den USA lebenden Bruder Max - der dort die Exakta Camera Co aufgebaut hatte - getroffen haben. Dieser kannte Otto Helfricht's Fähigkeiten und stimmte nach dessen Eintritt in das Wiesbadener Familienunternehmen der Neuentwicklung zu. In die Verantwortung Waaskes bei der Edixa-Entwicklung fiel die Entscheidung für den M42-Objektivanschluss. Für die übrige Technik zeichnete weitestgehend Otto Helfricht zuständig. Nach dem Weggang von Waaske wurde er dessen Nachfolger als Chefkonstrukteur und blieb in dieser Position bis zur Produktionseinstellung bei Wirgin im Jahr 1968. In den Jahren danach führte er einen eigenen Kamera-Reparatur-Service.
Nach seinem fluchtartigen Verlassen der "Ostzone", wie die spätere DDR zunächst hieß, hatte Helfricht natürlich keine Verbindung mehr in seinen alten Verantwortungsbereich. Einige Jahre später fanden die Informationen auf anderem Weg wieder zu ihm. Henry Wirgins Bruder Dr. Max Wirgin war ja bekanntermaßen in den USA geblieben und baute bei New York die Exakta Camera Corp. als USA-Vertretung der Ihagee auf. Dass die (West-) Ihagee in den 60ern von München nach Frankfurt zog, hatte auch etwas mit Wirgin zu tun. Irgendwie ist das eine spannende Geschichte über die stillen Verbindungen der beiden großen deutschen Spiegelreflexkameras Exakta und Edixa.
Quellenangaben: Herbert Blumtritt, "Geschichte der Dresdner Fotoindustrie" (Lindemann-Verlag, 2000); Color Foto 12/89; eig. Recherchen bei Otto Helfricht
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