Die Kleinbildkamera mit der Mattscheibe

Praktica-Prospekt

nein, dies ist beileibe keine herabqualifizierende Bemerkung eines hochnäsigen Exakta-Sammlers über die - in den Augen der Exakta-Fangemeinde - minderwertige Praktica. Es ist die hochoffizielle Titelschlagzeile der ersten Praktica-Werbebroschüre aus dem Jahr 1951! Der Hersteller firmierte zu dieser Zeit als „OPTIK VVB KAMERA-WERKSTÄTTEN“ in der Edgar-André-Strasse 56 in Dresden Niedersedlitz.

Sicher ist die Praktica ein eigenständiges Sammelgebiet und hat auf einer Exakta-Seite an sich nichts verloren. Bis auf den Schlitzverschluss und teilweise das Spiegelreflexsystem hat die Praktica konstruktiv keine verwandtschaftliche Beziehung mit der Exakta. Auch waren die beiden Herstellerwerke KW und Ihagee selbst in der klassenlosen Gesellschaft der damaligen DDR richtige Konkurrenten. Meine Praktica-Beschreibung verfolgt entsprechend auch nicht das Ziel einer kompletten Aufarbeitung dieses umfangreichen und durchaus geschichtlich bedeutenden Sammlungsgebietes. Es gibt einschlägige Internetseiten, auf denen sehr viel mehr Details über diese Kamera zu finden ist, als ich es hier vermitteln kann und will.

Weshalb ich dieser Kamera dennoch eine Vorstellung in meiner website widme, hängt einfach damit zusammen, dass sie – mit ihrer Vorgängerin Praktiflex und zu Beginn der 50er Jahre – die einzige nennenswerte SLR-Konkurrentin der Exakta gewesen ist. Wer sich um 1953 bis 1956 in Westdeutschland nach einer deutschen Kleinbild-Spiegelreflexkamera umschaute, konnte sich eigentlich nur für die Praktica entscheiden. Die Exakta war einige Zeit so gut wie nicht lieferbar, weil nahezu die ganze Dresdner Produktion in die USA exportiert wurde.

Aufgrund dieser zeitweiligen Lieferprobleme haben damals nicht wenige engagierte Fotografen auf ihrer Suche nach einer Kleinbild-Spiegelreflexkamera den Weg zur Praktica gefunden. Ansonsten galt die Praktica eher als Billig-Alternative für Spiegelreflex-Anhänger, denen die Exakta zu teuer und die Exa technisch unzureichend ausgestattet war. War die Ur-Praktica zunächst auch technisch noch keine echte Konkurrenz zur klassischen Exakta, änderte sich dies Mitte der 1960er Jahre, als die Exakta nicht mehr weiterentwickelt wurde. Nach Einstellung der Exakta-Fertigung Anfang der 1970er Jahre mutierte die Praktica gar zu deren Nachfolgerin im DDR-Kombinat VEB Pentacon.
Schon deshalb hat also ein richtiger Exakta-Fan und -Sammler auch ein Herz für die Praktica! Auch wenn es bei den Meisten von einem Schrittmacher angetrieben werden muss...

Historisches

Die Kamera-Werkstätten in Dresden wurden 1919 von Benno Thorsch und Paul Guthe gegründet. Da beide jüdischer Abstammung waren, mussten sie 1938 vor der Nazi-Verfolgung aus Deutschland imigrieren und verkauften ihr Unternehmen an den Amerikaner Charles A. Noble. Dieser erkannte die Zukunftsbedeutung der einäugigen Spiegelreflexkamera und begann 1939 mit der Produktion der ersten Praktiflex. Mit einer frei erfundenen Beschuldigung, von ihrer Villa aus den Bombenangriff am 13.Februar 1945 auf Dresden geführt zu haben, wurden Charles A. Noble und dessen Sohn John kurz nach Kriegsende von den Sowjets verhaftet und viele Jahre lang in Stalins Arbeitslagern festgehalten.

PrakticaDie erste Praktica-Generation kam schon vor dem 2. Weltkrieg auf den Markt und hieß zunächst „Praktiflex“. Sie hatte bereits einen Gewindeanschluss für Wechselobjektive, der sich mit 40 mm Durchmesser jedoch auf Dauer als zu klein erwies. Die Folgeversion „Praktica“ wurde 1949 vorgestellt und hatte ein auf M42x1 vergrößertes Objektivgewinde. Dieses Maß erwies sich als Glücksgriff und wurde in den folgenden Jahrzehnten als „Pentax/Praktica“-Gewinde zum erfolgreichsten Objektivanschluss aller Zeiten. Gibt es schon für die Exakta 1000e verschiedener Objektive, so findet sich ein Mehrfaches mit diesem Schraubanschluss.

Konstrukteur der Praktica-Kamera war Siegfried Böhm, Mitarbeiter der Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch in Niedersedlitz bei Dresden (KW). Der Betrieb wurde kurz vor dem Krieg von der US-amerikanischen Unternehmerfamilie Noble gekauft, nach 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet und verstaatlicht. Er bildete in der Folge die Basis des späteren VEB Pentacon und firmierte in den DDR-Jahren unter unterschiedlichen Namen - zuerst ab 1951 als OPTIK VVB Kamera-Werkstätten, Dresden-Niedersedlitz. Erst nach der Deutschen Wiedervereinigung erhielten die Erben der Familie Noble ihr Eigentum zurück.

Das Pentax-/Praktica-Gewinde

Ich will an dieser Stelle nicht darüber spekulieren, welcher der beiden Namensgeber die Henne- oder die Ei- Funktion übernommen hatte. Tatsächlich hatten beide Kamerabauer anfangs andere Anschlüsse favorisiert. Während die Praktiflex ein M40-Gewinde verwendete übernahm man in Japan einfach den M39-Gewindeanschluss der Leica. Mit der zunehmenden Leistungsfähigkeit der Objektive bemerkte man, damit ein wenig schmalbrüstig daherzukommen.

Praktica vs Exakta

Konzeptionell war die Praktica grundlegend anders ausgerichtet, einfacher ausgestattet und von vornherein nicht als Systemkamera gedacht. Dennoch hat sie sich im Laufe ihres langen Lebens – sie überlebte die Exakta um fast 2 Jahrzehnte – zu einem leistungsfähigen fotografischen Werkzeug entwickelt. Während ihrer und der Exakta Glanzzeiten waren die meisten Objektive sowohl mit Exakta-Bajonettanschluss als auch mit Praktica-Schraubgewinde erhältlich.

Die Praktica ist in weitaus größerer Modell-Vielfalt zu finden als die Exakta. Zwar unterschieden sich die "Modelle" oft nur in kaum merklichen Details, doch wurden diese aus Verkaufsgründen werblich besonders hervorgehoben. Auch konzeptionell hat sich die Kamera im Laufe ihrer Geschichte einige Male gewandelt. Etliche Varianten innerhalb der einzelnen Modellreihen verschaffen dem Sammler Gefühle der Glückseligkeit oder treiben ihn – je nach Veranlagung - in Wahnsinn oder Ruin.

Ein (wichtiges) Argument sprach hingegen immer für die Praktica - der universelle M42-Objektivanschluss. Weil dieses Gewinde auch von ASAHI für die Pentax (später auch von etlichen anderen Kameraherstellern) übernommen wurde, gab es zur Praktica ein immer größeres Objektivangebot. Zwar ist auch das Exakta-Bajonett nicht gerade arm an passenden Objektiven, doch fanden sich unter den Linsen mit M42-Anschluss meist billigere Alternativen aus Fernost. Bei den klassischen Optik-Herstellern - Zeiss, Meyer, Schneider, Steinheil u.a. - hatte man fast immer die Wahl zwischen beiden Anschlussvarianten.

Prakitca-Briefmarke 1965Hier will ich mich aber auf wenige Prakticas beschränken, die ich – rein subjektiv – trotz aller Ungleichheiten in eine verwandschaftliche Nähe zur Exakta stelle, wie ich es an anderer Stelle auch mit der Edixa getan habe. Wer in der Glanzzeit der deutschen Kameraindustrie – den 1950er Jahren – sich als Alternative zur Leica oder Contax für eine Kleinbild-Spiegelreflexkamera entschied, hatte ernsthaft nur die Auswahl zwischen diesen drei Kameras – Exakta, Edixa, Praktica. Die Japaner mit Asahiflex, Canon oder Nikon waren damals noch keine wahrnehmbaren Konkurrenten.

Nachdem schon die Exakta bei der Leipziger Messe 1955 auf einer Briefmarke verewigt wurde, erhielt 1965 auch die Praktica dieses Ehre - gemeinsam mit ihrer größeren 6x6-Schwester Praktisix

Praktica-Generationen

Unter sammlerfachlichen Gesichtspunkten werden die zahllosen Praktica-Modelle drei Generationen zugeordnet. Auch Richard Hummel hat dies in seinem Standardwerk „Dresdner Kameras“ so gehandhabt. Dies will ich hier nicht in Frage stellen, mich aber dennoch an meine subjektive Praktica-Einordnung halten. Dies habe ich auch schon bei Exa und Exakta so praktiziert und damit - wie ich meine - die Übersichtlichkeit verbessert.

Praktiflex VK

Praktiflex 1. Modell (1939 – 1940, 1946 – 1948)

ist in zahlreichen unterschiedlichen Gehäuseausführen, Beschriftungsvarianten und Belederungen zu finden. Der Schlitzverschluss von 1/25 1/500s hatte noch keine Langzeiten und war nicht synchronisiert. Einheitliches Merkmal aller Vor- und Nachkriegs-Praktiflexen ist hier der Objektivanschluss M40x1.

Die nach dem Krieg gebaute unterscheidet sich von der Vorkriegsvariante auffällig durch den frontseitig angebrachten Auslöseknopf. Später lebte der Name als Exportvariante der Praktica zeitweise wieder auf. Diese Kameras waren jedoch mit den jeweiligen Praktica-Modellen baugleich.

Vorkriegsvariante der Praktiflex in militärgrau mit roter Belederung, deutlich am Gehäuseaulöser auf der rechten Deckplatte als Vorkriegsmodell erkennbar. Objektiv ist das hochlichtstarke Schneider Xenon 2,0/5cm.

Praktica 1. Version

Praktica 1. Modellreihe (1949 – 1952)

dieses Modell begründete 1949 mit dem auf M42x1 vergrößerten Objektivanschluss die jahrzehntelange Praktica-Fertigung. Es sind verschiedene Versionen bekannt, die sich vor allem durch unterschiedliche Blitzsynchronisations-Anschlüsse unterschieden. Von der letzten Version (SN um 228.xxx) sind einige wenige Kameras bereits mit einer Innenauslösung für die neu eingeführten Objektive mit automatischer Blende zu finden.

Die allererste Praktica erkennt man an den seitlich am Gehäuse angebrachten Ösen für den Tragegurt. Beim ersten Modell waren diese noch aus Guss, später dann angenietet und seitlich von vorne. Als „Service- Variante“ erhielt diese Praktica vom Werk nachträglich noch eine doppelpolige Blitzbuchse.

Frühe Version der Praktica noch ohne Blitzsynchronisation, hier in einer Ausführung aus dem Jahr 1950 mit seitlich angeschraubten Trageösen. Objektiv ist - nicht ganz zeitgerecht - ein Steinheil Cassar 2,8/50.

Praktica FX2

Praktica 2. Modellreihe FX, FX2, FX3 (1952 – 1959)

In dieser Praktika-Baureihe finden sich Unterschiede nur im Detail. Als Zubehör war ein auf den Lichtschachtsucher aufsteckbares Prisma erhältlich, dessen erste Version leicht mit dem Prismenaufsatz der Kine-Exakta II aus dem Jahr 1950 verwechselt werden kann. Beide Prismensucheraufsätze wurden von Zeiss Jena produziert.

"Praktica FX 2 aus dem Jahr 1956 mit Blendeninnenauslösung, hier mit zwei PC-Blitzbuchsen X + F. Objektiv ist ein Tessar 2,8/50 mit Springblende.

Praktica FX / Service

Praktica "Service-Variante"

Aus welchen Gründen im Einzelnen auch immer wurden manche Praktica's sogar im Werk mit einem Wechselsucher umgerüstet. Sammler sprechen hier auch von "Service-Praktica". Ähnlich wie bei der Exakta lässt sich der Lichtschacht ausclipsen und durch einen speziellen Prismensucher ersetzen. Anders als bei der Exakta bleibt die Mattscheibe jedoch in der Kamera. Hier zeige ich ein solches Modell, das infolge seiner speziellen Wechselsucher-Konstruktion der Exakta besonders nah kam.

"Service-Variante" einer Praktica FX, hier mit einem HSH-Prismensucher. Objektiv ist das Biotar 2/5,8cm in der recht seltenen schwarz lackierten Version.

Praktica IVB

Praktica 3. Modellreihe IV, IVB, V, VFB (1959 – 1966)

Erstmalig erhielt die Praktica einen fest eingebauten Pentaprismen-Sucher, der bis zuletzt (Ausnahme Modell VLC/Exakta RTL) beibehalten wurde. Die Version mit dem Zusatz "B" erhielt zusätzlich einen eingebauten, aber ungekuppelten Belichtungsmesser. Beim Modell V findet man erstmals die bildaufhellende Fresnellinse im Sucher.

"Praktica IVB mit fest eingebautem Prismensucher, Belichtungsmesser und Schnellspannhebel am Kameraboden, eingeführt 1960. Objektiv ist das Tessar 2,8/50 mit automatischer Blende.

Praktica super TL-Cavalier

Praktica 4. Modellreihe nova, PL, Super TL, Mat (1964 – 1975)

Neu designte Baureihe mit zahlreichen Modellvarianten, die meisten mit integierter Belichtungsmessung, später auch mit Automatik (MAT) und als TTL-Version.

"Praktica super TL mit TTL-Innenmessung, eingeführt 1968, hier als Exportausführung "Cavalier". Objektiv ist das Tessar 2,8/50 mit automatischer Blende, ebenfalls als Export "aus Jena T"-Version.

Praktica 5. Modellreihe „L-Serie“ (1969 – 1989)

Das Gehäuse wurde erneut überarbeitet und im Laufe der Produktionszeit in einer fast unüberschaubaren Vielzahl an Modellvarianten herausgegeben. Für den Exakta-Sammler sind die VLC-Kameras mit Wechselsucher von besonderem Interesse. Die Praktica VLC (1974) ist mit der Exakta RTL 1000 bis auf den Objektivanschluss baugleich.

Pentacon Super

Pentacon Super - 1968 - 1972

Obwohl im eigentlichen Sinne keine Praktica und auch nicht mehr in der Verantwortung der ehemaligen "Kamera-Werkstätten" sondern bei der "Zeiss-Abteilung" entwickelt, möchte ich dieses Topmodell der Pentacon Dresden hier nicht unterschlagen. Hinter vorgehaltener Hand wurde die "Super" auch als ostdeutsches Gegenstück zur Contarex gesehen. Sie schaffte es sogar an Bord einer russischen Raumkapsel in den Weltraum...

Pentacon Super mit dem in der Normalausstattung ausgelieferten TTL-Prismensucher und dem Hochleistungsobjektiv Pancolar 1,4/55mm.

Jubiläumsschrift 1986Wer sich für die Modellreihen im Detail oder gar für die späteren Bajonett-Praktika’s interessiert – und über ausreichend Vitrinenplatz verfügt - sei auf entsprechende Informationsseiten hierzu verwiesen. Die Modellvarianten der Praktica gehen im Laufe der Jahre in die Hunderte ...

Späte Genugtuung für den Exakta-Anhänger: die Praktica feierte in einer Festschrift aus dem Jahr 1986 ihr 50Jähriges. Allerdings auf den Geburtstag der Kine Exakta im Jahr 1936....

Obwohl immer mal wieder angeboten – es gibt aufgrund der Anschluss- und Auflagemaße keine Möglichkeit, Wechselobjektive von Exakta oder M42 untereinander zu adaptieren. Jedenfalls nicht für die normale Aufnahmepraxis ohne Auszugsverlängerung. Für den Makrobereich sind dagegen etliche Möglichkeiten mit Ringen oder Adaptern zu finden.

Manche Objektive mit M42-Anschluss aus den 1950/60er Jahren werden auch mit außenliegendem Auslöserarm – ähnlich dem der Exakta – angeboten. Auch diese sind nicht mit den Exakta-Anschlüssen kompatibel, obwohl die Konstruktion der Exakta-Mechanik zum Verwechseln ähnlich sieht. Abgesehen vom anderen Kameraanschluss sitzt der Auslöser der meist zur Edixa verkauften Objektive auch auf der anderen Seite. Wenige Spezialvarianten, wie ENNA-Sockel, T-2 und T-4 oder Tamron Adaptall ließen es zu, beide Systeme mit einem Objektiv zu verwenden.




Posted 2007/08/30; last updated 2017/11/22 Copyright © 2007-2018 by Horst Neuhaus