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Ihagee und Exakta - große Namen aus alter Zeit

In der Literatur oder im Internet ist viel Information über die Ihagee Dresden und ihren Gründer, den Niederländer Johan Steenbergen, zu finden. Ich möchte mich bei photobutmore mehr mit der Kameratechnik und deren Besonderheiten beschäftigen. Deshalb zur Geschichte nur soviel, wie zum Verständnis der Entwicklung der Kameras oder deren Namen wichtig ist. Das allein ist schon nicht gerade wenig...

Steenbergen gründete 1912 in Dresden eine Fabrik für photographische Apparate. Diese „IHG“ wurde in den Folgejahren mehrfach umstrukturiert. Ab 1918 wurde sie zur Ihagee Kamerawerk G.m.b.H. und wuchs fortan zu einem der größten Dresdner Kamerabetriebe.

Ihagee hatte schon Weltruf als Hersteller guter und preiswerter Kameras als sie 1933 die erste Exakta für den damals sehr beliebten 127er Rollfilm vorstellte. Mit dem Spiegelreflex-Prinzip (Klappreflex) war man bereits gut vertraut. Der Kleinbilderfolg der Leica brachte wohl die Idee, beide Systeme miteinander zu verbinden. Dies gelang dem technischen Leiter Karl Nüchterlein zunächst mit der Standard Exakta / englisch VP = Vest Pocket Exakta. Die konsequente Weiterentwicklung war dann 1936 die Kine Exakta für den 24x36 mm Kleinbildfilm, auch Kine-Film genannt, weil die Filmindustrie dieses 35mm breite Filmmaterial benutzte.

Die Konstruktion der Exakta revolutionierte den Kamerabau und wurde Grundlage einer neuen Kameragattung, der Spiegelreflexkamera, die bis heute in aller Welt das NonPlusUltra der Kameratechnik ist. Zeitweilig war ihre „Meilenstein“-Funktion umstritten (Meilenstein nennen Sammler das jeweils erste Produkt einer neuen Gattung). In der Sowjetunion entstand etwa zur gleichen Zeit eine Spiegelreflex, die ebenfalls mit Kleinbildfilm arbeitete. Diese „Sport“ war jedoch völlig anders konstruiert und fand in dieser Bauform auch keine Nachfolger.

Mit Kriegsbeginn endete 1939 der direkte Einfluss Steenbergens in der Ihagee. Er emigrierte 1942 in die USA und hat danach Dresden und sein Unternehmen in der Schandauer Strasse nie wieder gesehen. Als Feindvermögen wurde das Werk 1942 beschlagnahmt und in der Bombennacht 13./14. Februar 1945 weitgehend zerstört. Während des Krieges entstanden Rüstungsteile - nur noch wenige Kameras.

Doch das Unternehmen selbst überstand den Krieg und seine Folgen. Als ausländisches Eigentum blieb es zunächst vom Zugriff der sowjetischen Besatzung (Demontagebefehl der Militär-Administration vom 20.6.1945) und dem frühen DDR-Enteignungswahn verschont. Rechtzeitig vor der Zerstörung ausgelagerte Maschinen, Werkzeuge und Produktionsteile ermöglichten bereits im August 1945 den Wiederbeginn der Fertigung von Exakta-Kameras. Deren Produktion endete zuvor offiziell im März 1940, andere Kameras wurden bereits seit 1939 nicht mehr gebaut. Natürlich musste auch Ihagee Reparationslieferungen an die Sowjetunion leisten – dies dokumentiert sogar eine eigenständige Modellvariante der Kine Exakta – die Exacta.

In den Jahren nach Ende des 2. Weltkrieges ging die technische Entwicklung der Exakta vorerst weiter, obwohl ihr Erfinder, Karl Nüchterlein, im Krieg verschollen blieb. Zwar verließen in den Nachkriegswirren etliche Mitarbeiter Dresden, z.B. der zeitweilige technische Direktor Otto Helfricht , der später bei Wirgin an der Entstehung der Edixa mitwirkte.

1950 entstand mit der Exakta Varex ein weiterer Meilenstein, die erste Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit auswechselbaren Suchersystemen. Eine auch wirtschaftlich sehr wichtige Neuschöpfung, weil mit der „Spiegel-Contax“ und der Rectaflex gerade zwei Spiegelreflexen mit fest eingebauten Prismensuchern auf den Markt kamen. Erst der Prismensucher, der eine seitenrichtige und aufrechtstehende Motivbetrachtung mit einer Spiegelreflex ermöglichte, verhalf diesem Kamerasystem endgültig zum Durchbruch. Auch die „kleine Schwester der Exakta“, die Exa - 1951 vorgestellt - trug im Laufe der Jahre zum Systemerfolg der Exakta bei, weil sie weitgehend mit dem gleichen Zubehör benutzt werden konnte.

Ungemach drohte dem Dresdner Werk ab Mitte der 1950er Jahre. Die deutsche Zwei-Staatlichkeit verursachte etliche Rechtstreitigkeiten zwischen Unternehmen, die ihren Sitz nach Kriegsende sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland hatten. Zum Namenstreit bei Zeiss finden sie in meiner Objektivabteilung noch einiges Wissenswerte. Schon 1951 wurde das Werk in Ihagee AG i.V. umbenannt und unter staatliche Verwaltung gestellt, blieb aber formal noch selbständig.

Johan Steenbergen, nach Westdeutschland zurückgekehrt, versuchte selbstverständlich sein Unternehmen zurück zu erhalten. Vergeblich – obwohl er gerichtliche Erfolge verzeichnen konnte. 1959 beschlossen die Aktionäre, den Ihagee-Firmensitz von Dresden nach Frankfurt a/M. zu verlegen. Dort wurde die Ihagee Kamerawerk AG gegründet, fertigte aber nur einige Zubehörteile, wie den Prismensucher „F“.

Dies ließ die Staatsführung der DDR und die Ihagee zunächst weitgehend unbeeindruckt. Es wurden weiterhin Exakta Kamera in Dresden produziert, doch leider nicht mehr technisch weiterentwickelt. Vielmehr betrieben sie die bisher nicht mögliche Verstaatlichung. Ab 1964 wurde die Entwicklungsabteilung dem VEB Pentacon unterstellt, mit der Bildung des Pentacon Kombinates ab 1968 auch der Vertrieb. 1970 wurde die Ihagee „vertraglich“ an den VEB Pentacon gebunden.

1971 kam dann das endgültige Aus für die klassischen Exakta-Kameras aus Dresden - der Ihagee-Geschäftsbetrieb wurde gänzlich eingestellt. Noch einige Jahre wurden Exakta- und Exa-Kameras aus der Pentacon Produktion verkauft - die Exa Ia noch bis Mai 1977, abgelöst von den Modellen 1b und 1c (bis 1987). Eine neuentwickelte Praktica L wurde auch als Exakta RTL 1000 vertrieben – aber ohne den erhofften Erfolg. Von der Exakta hatte sie nur noch das Bajonett...

Die Namensrechte an den alten Ihagee-Namen, vor allem der Exakta, gingen den Dresdnern Ende der 1960er Jahre verloren. Die Ost-Ihagee kreierte einige Namensschöpfungen – ELBAFLEX, ELBINA, VX1000, VX500, aus DRESDEN unter denen die Exakta zeitweilig auch im Westen vertrieben werden konnte. Die ursprünglichen Namen waren nur noch im Ostblock, in der DDR oder bei Grauimporten zu finden. Obwohl die Exa – als Neuschöpfung der DDR-Ära – von dem Namensstreit nicht betroffen war, wurde auch sie zeitweilig in das veränderte Namensgefüge einbezogen. VX100 und VX200 hießen zeitweilig die Exa-Kameras.

Die „West“-Ihagee verlegte 1963 ihren Sitz nach München, firmierte dort ein paar bedeutungslose Jahre als Ihagee-Exakta Photo AG und verschmolz mit der 1967 aus dem Verkaufsbüro Westberlin hervorgegangenen Ihagee AG (West). Sie versuchte sich an einer eigenen Exakta – vergeblich, die Exakta real wurde ein Flop. Danach überlebte sie noch ein paar Jahre mit Auftragsfertigungen in Japan, wie Exakta twin TL, Exakta TL 500, TL 1000, FE 2000, Exa 35 unter dem Ihagee West-Label. Doch 1976 war auch hier Schluss. Im Jahr 1982 kaufte die Miranda Foto in Nürnberg den Namen Exakta. Um 1990 gründete sich eine neue Exakta KG am Niederrhein, die dann 1998 die wiederauferstandene Pentacon GmbH in Dresden übernahm.

Die heute unter dem Namen EXAKTA vertriebenen Produkte, vornehmlich Objektive, stammen meist aus Korea oder China. Mit der alten Exakta haben sie nichts mehr gemein. Der Sammler mag selbst entscheiden, ob und welche Nachfolgeprodukte er seiner Sammlung einverleibt. Johan Steenbergen hat das Ende seines Unternehmens nicht mehr erleben müssen, er starb bereits 1967.


Mehr zur Geschichte und der Entwicklung der ostdeutschen Kamerabetriebe finden Sie in dem Standardwerk von Richard Hummel – Spiegelreflexkameras aus Dresden. Dieses Buch vermittelt auch die bislang vollständigste Übersicht Dresdner Kameras.



Posted 2007/08/27, last updated 2013/09/24; Copyright © 2000-2018 by Horst Neuhaus